Die arabische Welt ist aufgestanden. Und wir werden Zeugen einer Revolution. Diplomaten, Geheimdienste, Terrororganisationen und Unternehmen wurden kalt erwischt von der Geschwindigkeit der revolutionären Ereignisse.
Aber nicht nur in der arabischen Welt fangen Menschen an aus unterschiedlichen Gründen auf die Straße zu gehen. In China riefen Internetaktivsten zu einer interessanten Demonstration auf: Demonstranten sollten zivil gekleidet durch große Einkaufsstraßen flanieren. Die überforderte Polizei verdächtigte grundsätzlich erstmal jeden und verhaftete ein paar Journalisten – womit sie ein Indiz dafür lieferte, dass die chinesische Führung nervös ist.
Die Häufung der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche in verschiedenen Ländern habe ich als Grundlage genommen um zu sehen, was überhaupt die zentralen Gründe und Voraussetzungen für Revolutionen sind.
Das Rezept für eine Revolution besteht aus fünf Zutaten.
Eine andauernde Rezession oder schwere wirtschaftliche Herausforderungen
Hohe Arbeitslosigkeit, stark gestiegene Lebensmittelpreise, kaum berufliche Perspektiven für arbeitswillige junge Menschen.
Die Beschreibung der wirtschaftlichen Ausgangslage in der arabischen Welt bevor sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi in Tunesien selbst verbrannte, lässt auf eine starke Unzufriedenheit der Menschen in der arabischen Welt schließen.
Obwohl in der arabischen Welt keine Rezession vorliegt. So verzeichnete z.B. Ägypten seit 2005 jährlich ein Wirtschaftswachstum zwischen 4,5 % und 7,2 %. Andere Länder, wie Tunesien oder Libyen, verzeichnen ebenfalls positives Wachstum.
Das Problem: Der Reichtum verteilt sich in den Geldbeuteln einiger weniger Eliten.
Auch in anderen Revolutionen lässt sich die mangelhafte wirtschaftliche Situation als ein Schlüsselfaktor für die Entstehung einer Revolution identifizieren. Eine Inflation von Brotpreisen und eine hohe Staatsverschuldung waren zentrale Auslöser vor dem Schicksalsjahr 1789 – dem Beginn der französischen Revolution.
Eine weitläufige Meinung, die staatliche Institutionen in Frage stellt
Drei Viertel aller Länder weltweit erzielten beim Corruption Perceptions Index (CPI) 2010 von Transparency International auf einer Skala von 0 bis 10 einen Wert kleiner 5, wobei 10 die geringste Wahrnehmung der Korruption und somit das beste Ergebnis bedeutet.
Ägypten lag 2010 mit einem Wert von 3,3 auf Platz 98, noch hinter Swaziland. Libyen zur gleichen Zeit mit einem Wert von 2,2 abgeschlagen auf Platz 146.
Der CPI misst die Wahrnehmung der Korruption im öffentlichen Sektor. Ein geringer Wert zeugt von einem offenen Misstrauen der Bevölkerung, Geschäftsleuten und Experten in die Arbeit der Regierung. Es herrscht die weitläufige Unterstellung, dass Macht zum persönlichen Nutzen missbraucht wird.
Man kann also darauf schließen, dass die Bevölkerung Ländern mit stark wahrgenommener Korruption nur wenig Vertrauen in staatliche Institutionen hat – und fast zwangsläufig an den Punkt gelangen wird, wo sich der Frust Bahn brechen wird.
Mexiko liegt auf Platz 98, punktgleich mit Ägypten. Ich durfte während meinem Auslandssemester dort erfahren, dass viele insbesondere junge Menschen resigniert haben. “Wenn ich nicht noch zufällig einen Politiker kennenlerne, werde ich auch keinen Job finden”, verriet mir ein Kommilitone.
Da es in Mexiko derzeit nicht den Anschein hat, dass bald eine Revolution stattfindet, muss es neben dem Infragestellen staatlicher Institutionen noch weitere Gründe geben.
Unterschiedliche Teile oder Schichten einer Gesellschaft verbünden sich um die Situation zu verbessern
Zehn Prozent der Bevölkerung. Höchstens. Mehr braucht man nicht um eine Revolution zu starten. Vorausgesetzt diese zehn Prozent setzen sich aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft zusammen.
Im Iran wurde dies 1978 erreicht. Experten glauben, dass die Demonstrationen am 10. und 11. Dezember 1978 die größte Massendemonstrationen der Geschichte waren. Zwischen sechs und neun Millionen Demonstranten sollen teilgenommen haben. Also mindestens drei Mal so viele wie während des Höhepunkts der Demonstrationen in Ägypten am 1. Februar 2011, als optimistischen Schätzungen zufolge zwei Millionen Menschen auf dem Tahrir Platz gegen Mubarak demonstrierten. In den meisten anderen Revolutionen fing es mit einer sehr viel geringeren Anzahl an Menschen an.
Eine zentrale Rolle bei den Revolutionen kommt der vereinfachten Kommunikation zu. Die unterschiedlichen Teile der Gesellschaft müssen sich schließlich einigen und organisieren. Auch wenn Experten die Bedeutung von Social Media einschränken, müssen kritische Experten wie Philip Rizk zugeben, dass sie eine zumindest eine “Rolle gespielt” haben.
Und am besten für die Durchschlagskraft von Revolutionen ist die Heterogenität der Teilnehmer der Revolution. Geschäftsleute, Militärs, Gemüsehändler, Mütter, arbeitslose Jugendliche, Studenten. Umso mehr unterschiedliche Teile der Bevölkerung – umso effektiver. Denn somit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich noch mehr Menschen mit der Bewegung solidarisieren, da auch Mitmenschen aus ihrer Bevölkerungs- oder Interessengruppe teilnehmen.
Gemeinsame Werte oder Gründe für die verschiedene Bevölkerungsgruppen aufstehen
Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung, Wahlrechte, Menschenrechte, Hunger. Dies alles waren schon einmal Gründe für Revolutionen. Und sie wiederholen sich.
Jede Revolution braucht Werte oder Gründe, die etabliert, eingeführt oder umgeworfen werden sollen. Entweder waren diese Werte vorher nicht da oder nicht ausreichend verankert.
„Liberté, Égalité, Fraternité“, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das Motto der französischen Revolution hat sich tief in das nationale Gedächtnis gebrannt und zeigt: Gemeinsame Werte sind wichtige Säulen einer Revolution.
Unfähigkeit des Staates die Situation zu kontrollieren
Der Erfolg einer Revolution ist direkt abhängig von dem Grad der Fähigkeit der Gegenkräfte oder des Staates die Situation zu kontrollieren.
Zu schwach war der Staat in Tunesien und Ägypten. Trotz massiver Drohungen der alten Machthaber und gewaltsamen Eskalation, waren die Demonstranten nicht zu bändigen. Das Resultat war die Revolution.
Stark genug und gut organisiert scheint der Staat in Thailand zu sein, wo im zwischen März und Mai 2010 zwar große Demonstrationen stattfanden, diese jedoch nicht in einem Umsturz der alten staatlichen Ordnung (und somit einer Revolution) endeten.
Doch in der Trotzreaktion und Ausdauer der Demonstranten liegt der Schrecken für viele Machthaber.
Und genau deswegen sind derzeit einige mächtige Männer aufgrund der aktuellen Ereignisse mächtig nervös. Schließlich könnten sich ja auch bald chinesische Querköpfe von den aktuellen Revolutionen bzw. Aufständen inspirieren lassen.
Denn nicht nur in der arabischen Welt sind die fünf Voraussetzungen für eine Revolution deutlich sichtbar.
Für die Machthaber hilft da nur eins: Druck aufbauen und Widerstand im Keim ersticken.
Aber eine nachhaltige Form der Politik ist dies sicherlich nicht.
Nachtrag:
Die fünf „Zutaten“ sind sicherlich nicht die einzigen Faktoren. Aber sie wiederholen sich auffällig häufig. Sollte ich trotz gründlicher Recherche einige Punkte übersehen haben, bitte einfach unten posten.
Mit dem Begriff „Revolution“ beziehe ich mich auf politische und/oder gesellschaftliche Umbrüche, die in einer Änderung oder Kompletterneuerung der staatlichen Ordnung enden. Alles was davor endet bzw. niedergeschlagen wird ist ein Aufstand.

22. März 2011 um 9:33 pm
Krass zusammengeschrumpft mal so ausgedrückt:
Wo die Führung nicht aufpasst:
1) “Ubi bene ibi patria” vernachlässigt.
2) Vertrauen zu den “Untertanen” vernachlässigt.
3) Zusammenarbeit vernachlässigt.
4) Wertewandel vernachlässigt.
5) Entgegenkommen vernachlässigt.
Man könnte all dies wiederum zusammenschrumpfen auf ein Thema, das die gesamte Geschichte durchzieht:
A) Die Sehnsüchte der Menschen vernachlässigen.
Dies findet sich deutlich ausgedrückt bei Jean Ziegler, “Der Hass auf den Westen” (ein falscher Titel, aber so ist nun mal das Verlagswesen), oder Stephane Hessel “Indignez Vous”. Und tausende andere, oft Aussteiger aus dem unmenschlichen System, in welchem potente Minderheiten es fertigbringen, die breite Masse mit “Brot und Spielen” usw. zufriedenzustellen.
Und so stehen wir, MilaninKöln, eine Kindergärtnerin und ein alter Physiker an einer Ampel gegenüber dem Moschee-Neubau. Wir sehen die Manifestation der Träume der Menschen in diesem wunderbaren Gebäude, dessen Schönheit man im Rohbau nur erahnen kann.
Hier sind WIR die “demokratische” Herrschaft. Hier müssen WIR sorgen für:
1) “Ubi bene ibi patria” .
2) Vertrauen zu den “Untertanen”.
3) Zusammenarbeit.
4) Wertewandel berücksichtigen.
5) Entgegenkommen.
Kurzum:
A) Die Sehnsüchte der Menschen hören.
Zuhören. Ernst nehmen.
Gruss GH.
22. März 2011 um 9:36 pm
Vll. noch zu erwähnen….Es sind in allen Ländern größtenteils eine idealistische Jugend die es wagt zu revoluzern. Mag sein dass jetzt alle Bevölkerungsgruppen mitmachen, aber es waren zuerst die Studenten und andere “Jugendliche” die keine Zukunft sahen.
Das Pondon zu Hörsaalbesetzern und der linken Szene…die wir selbstverständlich stets unterstützt haben! (not)
Aber wir haben auch keine gemeinsamen Werte…
Wer fängt mit mir an Steine zu werfen, wenn die Regierung (aus Fake-Doktoranden) weiterhin paralysiert sabbernd in der Ecke sitzt?
22. März 2011 um 10:36 pm
Lieber ThiloP,
Sie sind noch jung, Ihnen kann es nicht schnell genug gehen. Dennoch brauchen Sie die Steine nicht selbst zu werfen. Haben Sie ein wenig Geduld und schauen zu, wie diese Personen sich selbst gegenseitig steinigen werden. Warum sollten wir dies für diese übernehmen, die können das viel besser und gründlicher.
Ihre Gedanken sind stärker als Steine es sind. Widersprechen Sie einfach dem “Mainstream” der Gedankenlosigkeit. Überall. Sie haben noch viel Zeit dazu. Sie sind jung, Sie werden sehen, es wirkt!
27. März 2011 um 2:22 pm
Lieber GH,
Danke für die Antwort.
Natürlich werde ich keine Steine werfen.
Es war lediglich eine Provokation. Ein zynischer Hinweis darauf, dass der größte Teil unserer aktuelle Wohlstandsjugend, vielleicht aus Sättigung, vielleicht aus reiner Konformität, in guter alter Spießbürgermanier NIE einen Stein in die Hand nimmt, oder anders gesagt: dem “Mainstream” der Gedankenlosigkeit (sehr gut ausgedrückt!) nicht widerspricht!
Und das ist leider weniger eine Beschuldigung, als ein Selbsterkenntnis.
Bei Begegnungen mit “Attac” und “Der Linken” oder dem rechten Pendant (also alle “Steinewerfer”), mit ihren lächerlichen Systemforderungen, kann auch ich nur bemitleidend schmunzeln.
Ich ziehe dann den Krawattenknoten noch ein bisschen enger, und lass sie reden. Eine Diskussion würde sowieso nur im dialektischen Zirkelschluss enden.
Zur Passivität kommt dann noch der Brain Drain. “Ubi bene ibi patria” war nie präsenter. Denn zuviele Menschen die potent genug wären bei nötigen Veränderungen mitzuwirken, verlassen das Land. Woanders geht es ihnen wohl besser. Emigration statt Revolution.
Und so hungert eine noch demokratische Mehrheit ab. Die ideelen Steine prasseln aus den Rändern auf die Mitte nieder.
Und hier sehr geehrter Herr Hausmann weichen unsere Meinungen ab: In der vorgeschobenen christlichen Tugend hält die Mehrheit auch bedacht die andere Wange hin.
Wir werden Zeuge wie die noch demokratische Mehrheit von einer impotenten und inkompetenten Minderheit gesteinigt wird, wenn sie sich nicht sogar untereinander steinigt. Die Gewinner sind die Extremen.
Diese leisten per se keinen politischen Ergebnisbeitrag (Einen größeren/besseren Kuchen backen), sondern versteifen sich auf unkonstruktive Kritik (der Kuchen schmecke nicht. Wieso kann man nicht sagen. Man selbst hätte aber Alles anders gemacht) und Verteilungsfragen (wer bekommt wie viel/was vom Kuchen).
Letztere werden auf dem Niveau des kindlichen “My Germs” * geregelt.
Aber wie gesagt, die demokratische Mehrheit nimmt das hin.
Demokratische Mehrheit – das ist “Mainstream”.
Wir werfen keine Steine, und Leserbriefe schreiben wir auch nicht. Eine Horde Universitätsabsolventen die mehr über Paris Hilton als über Arthur Schopenhauer wissen.
Und das ist Schade. Denn es sind gerade die “mittleren Werte” wie unter anderem Bildung, die dieses Land zu dem gemacht haben was es ist – einem Land in dem es dem Menschen in eigentlich jeder Hinsicht gut geht. Weil man eben auch eine Moschee bauen darf, wenn man eine braucht.
Gerade die Zusammenarbeit unter ein und dem selben Wertekatalog sehe ich bei der hiesigen demokratischen Mehrheit nicht.
Aber das ist wohl der Fluch der Mitte. Sie ist nicht ideell genug dass sich Leute unter einer Fahne sammeln könnten. Gleichzeitig zu intellektuell, sodass Zweifel entschlossenes Vorgehen verhindern.
Es ist meiner Meinung nach auch eher das Motto “Ubi libertas ibi patria” unter dem die jetzigen Regime gestürzt werden. Der Wohlstand der Ägypter und Tunesier wird sich mit der Demokratisierung nicht so schnell ändern.
Vielleicht aber das Wohlsein durch eine subjektiv wahrgenommen höhere Freiheit oder Gerechtigkeit? Ich weiß es nicht…
Aber wir richten gespannt unseren Blick nach Asien…
Dort in einem fernen Land scheinen es wieder die Studenten zu sein, die zaghaft für Veränderungen einstehen, und bereits dafür schnell einsitzen.
Und mit dem geduldig sein/ passiv sein ist das immer so eine Sache. Die Dinge werden sich schon regeln….
“In the long run I’m confident that our capital markets are flexible and resilient and can deal with these adjustments.”- G.W. Bush zur Begründung warum Lehmann Brothers nicht gerettet werden sollte.
“Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht.” – Kurt Tucholsky über Adolf Hitler.
Im Nachhinein ist es ja immer so offensichtlich dass man handeln müssen hätte.
Ich übertreibe und provoziere hier ganz bewusst. Es sind auf ihre Art extreme Meinungen die ich darstelle. Auf einen gemäßigten Kommentar, würde mir keiner antworten.
Vielen Dank!
* “My Germs” = engl. meine Bakterien. Der typische Ausruf von Kindern die durch das stecken ihrer abgeschleckten Finger in Nahrungsmittel einen Besitzanspruch auf diese geltend machen wollen.
27. März 2011 um 3:22 pm
Ui…Schaut…Ich hab noch einen alten Post von mir gefunden: http://youngpotentials.wordpress.com/2008/10/28/junge-leute-%E2%80%93-sturmer-und-dranger/#more-160
31. März 2011 um 11:31 pm
„Den Mann gibt es gar nicht; er ist nur der Lärm, den er verursacht.“ – Kurt Tucholsky über Adolf Hitler.
Das schönste Zitat seit langem.
Mann/Frau kann man auswechseln, ebenso den Namen.
Dann gibt es da noch die Seeräuber-Ballade von Berthold Brecht. Wo er den Zusammenbruch schön vorhergesagt hat. Um dies zu erkennen, mass man sich diese Lieder-Sequenz allerdings zig-mal anhören. Für mich ist es immer wieder eine Freude, wie Künstler in die Zukunft schauen können.
Übrigens kann jeder das. Ruhe, innehalten, hören auf die Träume und Wünsche, die das eigene Leben bestimmen.
Ich las in Ihrem Kommentar etwas von “Werten”. Diese in einer Gemeinschaft verehrten Wertobjekte sind von einer sehr eigenartigen Struktur. In der Gemeinschaft nebenan können sie ganz anders, sogar gegenteilig sein. Daher bin ich allergisch gegen “Werte”, besonders weil sie das Leben stark verkürzen können. Ist ein Wert dies wert?
Übrigens zieht sich der deutsche Michel die Mütze tiefer über Ohren, Augen und Mund. Die Krawatte habe ich früher auch genutzt und das weisse Hemd mit Kragen. Es ist einfach prächtig, wie dies wirkt.